Mangel an Hebammen im direkten Umfeld

Über 20 Prozent der Mütter nehmen keine Wochenbettbetreuung in Anspruch

Hebammen stehen aktuell vor großen Herausforderungen: Hohe Versicherungsprämien und schlechte Bezahlung sind nur einige der Gründe, warum sich immer mehr Hebammen aus ihrem Beruf zurückziehen. Die Suche nach einer Hebamme für die Nachsorge gestaltet sich für werdende Mütter entsprechend schwierig.

Die Studie „Mangel an Hebammen in Deutschland“ untersucht den Status Quo in der Geburtshilfe aus Sicht der Mütter mit Fokus auf die Wochenbettbetreuung. In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut SKOPOS wurden 1.000 Frauen zu ihrer Suche nach einer Hebamme befragt. Ermittelt wurden unter anderem der tatsächliche Bedarf an Nachsorgehebammen, die Dauer der Suche nach einer geeigneten Hebamme, Gründe, warum die Müttern gesetzlich zustehenden Dienstleistungen nicht in Anspruch genommen werden und welchen Stellenwert Nachsorgehebammen in der Wochenbettbetreuung haben.

Kernergebnisse der Hebammen-Studie

  1. Jede fünfte Mutter nimmt keine Nachsorgehebamme in Anspruch.
  2. Der häufigste Grund, warum keine Nachsorgehebamme in Anspruch genommen wird, ist fehlende Verfügbarkeit im näheren Umfeld.
  3. Jede dritte Frau, die keine Nachsorgehebamme hatte, weiß nicht, dass Sie gesetzlichen Anspruch auf eine Hebamme hat.
  4. Jede fünfte Frau sucht zwei Monate oder länger nach einer Hebamme.
  5. Über 20 Prozent der Frauen beginnen erst im sechsten Schwangerschaftsmonat oder später mit der Hebammensuche.
  6. Medizinische Fragen zur Kindesgesundheit sind für Mütter das wichtigste Beratungsthema bei der Nachsorge durch eine Hebamme.

Bedarf an Nachsorgehebammen

Jede fünfte Frau verzichtet auf eine Hebamme zur Wochenbettbetreuung

Jede gesetzlich versicherte Frau hat während der Schwangerschaft, der Geburt, dem Wochenbett und der Stillzeit Anspruch auf die Hilfe durch eine Hebamme. Doch nicht jede Mutter findet auch tatsächlich eine Hebamme für die Nachsorge. Die Wochenbettbetreuung ist zeitintensiver geworden und findet seltener im Krankenhaus und stattdessen vermehrt zuhause statt. Hinzu kommt, dass sich viele freiberufliche Hebammen aufgrund hoher Haftpflichtprämien aus ihrem Beruf zurückziehen oder nur noch wenige Stunden arbeiten, um der Sozialversicherungspflicht zu entgehen. Dementsprechend knapp ist die Verfügbarkeit von Nachsorgehebammen.

Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Studie wieder: Jede fünfte Frau nimmt nicht die Leistungen einer Nachsorgehebamme in Anspruch. Von diesen 20 Prozent hätte jede Dritte gerne eine Nachsorgehebamme gehabt.

Überraschend: Vor allem jüngere Mütter verzichten eher auf eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung. Während 83,8 Prozent der Frauen über 30 eine Nachsorgehebamme haben, nehmen von den unter 30-jährigen nur 73,8 Prozent diese Dienstleistung in Anspruch.

Hatten Sie nach der Geburt Ihres Kindes eine Nachsorgehebamme?

Auf diese Hebammenleistungen haben Frauen gesetzlichen Anspruch

Gesetzlich versicherte Frauen haben während der Schwangerschaft sowie bei und nach der Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe. Dies schließt die Untersuchungen zur Schwangerschaftsfeststellung und Schwangerenvorsorge ein.

In Hinblick auf die Wochenbettbetreuung besteht ein Anspruch auf Hebammenhilfe bis zum Ablauf von zwölf Wochen nach der Geburt. Weitergehende Leistungen bedürfen der ärztlichen Anordnung.

§ 24d und § 134a Sozialgesetzbuch V

Niedersachsen ist das Land mit der höchsten Betreuung durch Nachsorgehebammen

Den Studienergebnissen zufolge nehmen deutschlandweit 79,8 Prozent der Frauen die Dienste einer Nachsorgehebamme in Anspruch. Beim Blick auf die einzelnen Bundesländer zeigt sich, dass in Niedersachsen die meisten Frauen (92 Prozent) eine Hebamme für die Nachsorge haben. In Thüringen und Sachsen-Anhalt nehmen mit 88 Prozent und 85,3 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich viele Mütter die Dienste der Wochenbettbetreuung in Anspruch. Die wenigsten Mütter (74,3 Prozent) werden in Schleswig-Holstein im Wochenbett durch eine Hebamme betreut. Mit 75 Prozent und 75,5 Prozent weisen Berlin und Nordrhein-Westfalen ebenfalls vergleichsweise niedrige Prozentsätze auf.

Deutschlandweite Betreuungsrate durch Nachsorgehebammen

Hinweis: In den Bundesländern ohne Prozentangabe konnten nicht ausreichend Daten zur Versorgung mit Nachsorgehebammen erhoben werden.

Fehlende Verfügbarkeit im direktem Umfeld ist der Hauptgrund für die Nichtinanspruchnahme von Nachsorgehebammen

Doch warum nimmt jede fünfte Frau keine Leistungen einer Nachsorgehebamme in Anspruch? Die Studienergebnisse zeigen: Hauptgrund ist die fehlende Verfügbarkeit. So stimmen 48,5 Prozent der befragten Frauen ohne Nachsorgehebamme der Aussage „Ich habe keine Hebamme gefunden, die in meiner Nähe tätig war / zu mir nach Hause hätte kommen können“ voll und ganz oder zumindest teilweise zu.

Erschreckend hoch ist auch die Anzahl der Mütter, die nichts von ihrem gesetzlichen Anspruch wussten. Ganze 24,2 Prozent stimmen voll und ganz der Aussage zu, dass sie nicht wussten, über die gesetzliche Krankenkasse Anspruch auf Betreuung zu haben; weitere 9,1 Prozent stimmen dem zumindest teilweise zu.

Die Frauen sehen die Schuld jedoch auch bei sich selbst: Ein Drittel gibt an, sich zu spät um eine Hebamme bemüht zu haben, sodass keine freie Hebamme mehr verfügbar war. Weitere Gründe sind fehlende Sympathie mit einer Hebamme oder das fehlende Angebot von Hausgeburten. Neun Prozent der Frauen geben an, keine Hebamme gefunden zu haben, die ihre Sprache spricht.

Wie zutreffend waren folgende Aspekte, die dazu geführt haben, dass Sie keine passende Hebamme gefunden haben?
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Ingeborg
Stadelmann
Hebamme, Autorin, Verlegerin und Referentin

Ingeborg Stadelmann zum Hebammenmangel

„Die Gründe für den derzeitigen Mangel an Hebammen sind vielfältig. Das aktuelle Abrechnungssystem nach DRG sieht Pauschalen für die Dienstleistungen durch Hebammen in Klinken vor. Eine Geburt lässt sich aber nicht pauschalisieren, genauso wenig wie die Betreuung einer Wöchnerin. Manche Frauen brauchen einfach eine intensivere Betreuung als andere. Ebenso problematisch ist die 2017 eingeführte Gebührenverordnung, laut der freiberufliche Hebammen, die in Krankenhäusern als Beleghebammen arbeiten, nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen und abrechen können. Dadurch kommt es zu Engpässen in den Kliniken; Frauen mit Wehen werden von einem Krankenhaus zum nächsten geschickt. Hier sind politische Entscheider gefragt; es müssen Lösungen gefunden werden – und wenn es erst einmal Sonderverordnungen für diese Fälle sind, die eine zusätzliche Aufnahme und Vergütung ermöglichen. Parallel muss in Kliniken natürlich das Personal aufgestockt werden, das der Hebamme z.B. organisatorische Arbeit abnimmt.

Gleichzeitig lohnt sich die Arbeit für Hebammen finanziell immer weniger, immer mehr Hebammen ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück. Das ist auch oft der Fall, wenn Hebammen selbst Mütter werden und für ihre Familie da sein möchten. Ein Wiedereinstieg in den Beruf mit reduzierter Stundenzahl lohnt aus finanzieller und steuerlicher Sicht schlicht und ergreifend nicht. Viele meiner Kolleginnen orientieren sich daher nach der Geburt eines Kindes beruflich um.

Im Grunde geht es also darum, Anreize dafür zu schaffen, dass Frauen den Beruf der Hebamme wieder langfristig und gerne ausführen. Gleichzeitig möchte ich aber auch an meine Kolleginnen appellieren: Der Beruf der Hebamme geht mit einer gewissen Ideologie einher. Wir erfahren in unserem Beruf so viel Freude und Glück, da kann es nicht nur ums Handaufhalten gehen.“

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Die Suche nach einer geeigneten Hebamme

Sechs Prozent der Frauen beginnen erst im neunten Schwangerschaftsmonat mit der Suche nach einer Hebamme

Den Studienergebnissen zufolge gibt ein Drittel der befragten Frauen ohne Nachsorgehebamme an, sich zu spät um die Suche nach einer Hebamme gekümmert zu haben. Wann also beginnen die Frauen, die eine Hebamme gefunden haben, mit der Suche?

So früh wie möglich beginnen 16 Prozent der Frauen; Sie kümmern sich sofort um eine geeignete Hebamme, sobald sie von der Schwangerschaft erfahren. Die meisten Frauen – über 20 Prozent – beginnen im dritten Schwangerschaftsmonat mit der Suche, weitere 15 Prozent im vierten Monat. Ein kleiner Teil der werdenden Mütter kümmert sich erst auf der Zielgeraden um eine Hebamme: Sechs Prozent starten erst im neunten Schwangerschaftsmonat mit der Suche.

Die Dauer der Suche beträgt bei den meisten Frauen (57 Prozent) weniger als eine Woche und geht somit recht schnell vonstatten. Ein knappes Viertel (24 Prozent) sucht einen Monat lang. Drei Monate oder länger suchen neun Prozent der Schwangeren.

Zu welchem Zeitpunkt haben Sie ca. begonnen, sich nach einer passenden Hebamme umzusehen?
Wie lange haben Sie ungefähr nach einer Hebamme gesucht?
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Ingeborg
Stadelmann
Hebamme, Autorin, Verlegerin und Referentin

Ingeborg Stadelmann zum Zeitpunkt der Hebammensuche

„Wann werdende Mütter mit der Suche nach einer Hebamme beginnen sollten, kann man so nicht pauschalisieren, das hängt auch immer von der Frau selbst und den Umständen ab. Erstgebärende haben meist viel mehr Fragen als Zweitgebärende und möchten möglichst früh den Rat einer Hebamme einholen. Die frühe Suche macht dabei die Situation aber nicht unbedingt besser – im Gegenteil, sie erhöht eher den Stress, sowohl für die Schwangere als auch für die Hebamme. Im Grunde ist es ein Teufelskreis: Der Mangel an Hebammen sorgt für ein regelrechtes Wettrennen um Hebammen, sobald Frauen erfahren, dass sie schwanger sind. Es muss im Endeffekt also dem Mangel an Hebammen entgegengewirkt werden, um die Suche für alle Beteiligten entspannter zu gestalten.“

Ein Viertel der Frauen findet die Hebamme für die Nachsorge über das Internet

Frauen mit einer Hebamme für die Wochenbettbetreuung finden diese mit 27 Prozent am häufigsten über Freunde. Fast genauso häufig führt die Suche über das Internet zu Erfolg: 26 Prozent der Befragten sind online fündig geworden.

Wo bzw. wie haben Sie Ihre Nachsorgehebamme gefunden?

Beratungsthemen bei der Nachsorge

Vor allem bei medizinischen und gesundheitlichen Fragen zum Kind sind Nachsorgehebammen gefragt

Bei der Nachsorge steht für frisch gebackene Mütter vor allem das Wohlergehen ihres Neugeborenen im Mittelpunkt. Medizinische und gesundheitliche Fragen zum Kind sind für 87 Prozent der Mütter das wichtigste Thema bei der Beratung und Unterstützung durch die Nachsorgehebamme. An zweiter und dritter Stelle stehen Fragen zur Säuglingspflege und zum Stillen.

Auch für die Beratung in eigener Sache stellt die Hebamme für viele Frauen eine wichtige Bezugsperson dar. So ist sie für 74 Prozent der Frauen auch Ansprechperson bei gesundheitlichen Fragen zur eigenen Person sowie für 66 Prozent in Sachen Rückbildung. Doch nicht nur in medizinischer Hinsicht ist die Hebamme eine wichtige Unterstützung für junge Mütter. 64 Prozent der Frauen geben an, dass die Nachsorgehebamme für sie einen emotionalen Beistand und Vertrauensansprechpartner darstellt.

Wie wichtig waren bzw. sind für Sie folgende Themen bei der Beratung und Unterstützung Ihrer Nachsorgehebamme?
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Ingeborg
Stadelmann
Hebamme, Autorin, Verlegerin und Referentin

Ingeborg Stadelmann zur Bedeutung von Hebammen in der Wochenbettbetreuung

„Für mich ist der emotionale Beistand ganz eindeutig der wichtigste Faktor in der Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme. Denn nur wenn es der Mutter gut geht, kann es auch dem Kind gut gehen. Das sollten sich auch die anderen Familienmitglieder immer wieder vor Augen führen.

Es wundert mich eigentlich ein wenig, dass emotionaler Beistand erst an sechster Stelle für die Mütter steht. Andererseits spiegeln die Ergebnisse auch sehr schön die Entwicklung der Gesellschaft wieder: Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle. Frauen sind heute emanzipiert, sie machen Karriere, sie haben alles im Griff. Dementsprechend wichtig ist Müttern diese Kontrolle auch in der Wochenbettbetreuung; sämtliche Fragen rund um das Kindeswohl müssen beantwortet werden. Ich appelliere an die Frauen: Habt ein bisschen mehr Vertrauen in euch selbst! Frauen bringen seit Jahrtausenden Kinder zur Welt, ihr kriegt das auch hin. Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist eine ganz besondere, lange währende Einheit. Dieses Urvertrauen wünsche ich heutigen Müttern zurück.“

Mütter ohne Nachsorgehebamme suchen vor allem beim Kinderarzt nach Rat

Über 80 Prozent der Mütter, die keine Nachsorgehebamme in Anspruch genommen haben, wenden sich mit ihren Fragen nach der Schwangerschaft an den Kinderarzt. Infomaterial aus der Klinik oder vom Gynäkologen ziehen 55 Prozent der Frauen als Hilfestellung heran.

Das persönliche Umfeld stellt für viele frisch gebackene Mütter eine wichtige Anlaufstelle bei Fragen rund um das neugeborene Baby dar. 59 Prozent der Frauen suchen Rat bei der eigenen Mutter; 58 Prozent befragen Freunde, die selbst Kinder haben. An andere Familienmitglieder wie die Schwester oder Tante wenden sich 53 Prozent der Mütter.

Im Zeitalter der Digitalisierung ist natürlich auch das Internet ein gerne zu Rate gezogenes Mittel, wenn es um die Nachsorge geht. Ganze 59 Prozent der Frauen suchen online nach Antworten auf ihre Fragen. Foren und Communities sind dabei für 44 Prozent der Mütter eine wichtige Informationsquelle.

Da Sie ohne Hebamme auskommen mussten: Wie wichtig waren folgende alternative Anlaufstellen für Sie?

Whitepaper und Infografik zum Hebammenmangel

Whitepaper
(PDF 3 MB)
Laden Sie die gesamten Studienergebnisse als Whitepaper herunter
Experten-interview
(PDF 2 MB)
Ingeborg Stadelmann, Hebamme und Buchautorin, im Interview zum Hebammenmangel in Deutschland

Über die Studie „Mangel an Hebammen in Deutschland“

  • icon Untersuchungsgegenstand:

    Der Mangel an Hebammen in Deutschland hat verschiedene Ursachen. Die Studie „Mangel an Hebammen in Deutschland“ untersucht den Status Quo in der Geburtshilfe aus Sicht der Mütter mit Fokus auf die Wochenbettbetreuung. Erfragt wurden der Bedarf an Nachsorgehebammen, Gründe für Nichtinanspruchnahme der gesetzlich zustehenden Leistungen und die wichtigsten Beratungsthemen. Da konkrete Zahlen zum tatsächlichen Mangel an Hebammen bis dato fehlen, können die Studienergebnisse zum Hebammenbedarf als erster Anhaltspunkt dienen.

  • icon Stichprobe:

    In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut SKOPOS wurden 1.000 Mütter aus ganz Deutschland zu ihrer Suche nach und Erfahrungen mit einer Hebamme befragt. Die letzte Geburt durfte dabei nicht länger als drei Jahre zurückliegen.

  • icon Befragungsmethode:

    Onlinebefragung

  • icon Befragungszeitraum:

    30. Mai bis 7. Juni 2018

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Allgemeine Presseanfragen: Angela Puschner
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